Just Culture wird in der Sicherheitsliteratur seit über zwei Jahrzehnten als Voraussetzung einer lernfähigen Organisation gehandelt. In der gelebten Praxis vieler Organisationen ist sie auch heute retributiv: sie entscheidet zwar sorgfältiger, aber sie entscheidet nach wie vor, wer für einen Vorfall bestraft wird. Sidney Dekker hat 2018 mit Restorative Just Culture in Practice die schärfste Formulierung der Alternative vorgelegt. Das Buch verlangt einen Frame-Shift, der bei Lektüre einfach klingt und in der Umsetzung die meisten organisationalen Selbstverständlichkeiten durchquert.
Was das Buch tut
Dekker übersetzt die Unterscheidung von retributiver und restorativer Justiz aus dem Strafrecht in die Vorfallaufarbeitung. Retributive Logik fragt: wer hat gegen welche Regel verstossen, und welche Sanktion ist verhältnismässig? Restorative Logik fragt: welcher Schaden ist entstanden, wer ist davon betroffen, und was braucht es, damit alle Beteiligten weiterarbeiten können? Das eine prüft Schuld. Das andere stellt die Beziehungen wieder her, die der Vorfall beschädigt hat. Dekker zeigt, dass die zweite Frage in den meisten Sicherheitsaufarbeitungen schlicht nicht gestellt wird, auch dort, wo Just-Culture-Programme formal existieren.
Vom «wer ist schuld?» zum «wer ist verletzt?»
Der erste Kernpunkt ist die Verschiebung der Leitfrage. Retributive Just Culture, auch in ihrer differenzierten Form mit Reasons culpability decision tree, bleibt auf die handelnde Person und ihre Verantwortung zentriert. Restorative Just Culture verschiebt den Fokus auf die Betroffenen: nicht nur den Operator, sondern auch die Geschädigten, deren Angehörige, das Team, das mit dem Vorfall weiterarbeiten muss, und die Organisation, deren Vertrauen erschüttert wurde. Diese Verschiebung ist kein Verzicht auf Verantwortung. Sie verschiebt die Frage, wem gegenüber Verantwortung getragen wird.
Die drei Fragen, die an die Stelle der Schuldfrage treten
Aus der restorativen Justiztradition übernimmt Dekker drei Leitfragen, die jede Aufarbeitung strukturieren sollen. Wer ist verletzt: physisch, psychisch, beruflich, im Vertrauen? Was brauchen die Verletzten, damit sie weiterarbeiten können? Wessen Verpflichtung ist es, diese Bedürfnisse zu erfüllen? Diese Triade ist die operative Mitte des Buchs. Sie ersetzt nicht die Frage, was passiert ist und warum. Sie ergänzt sie um eine Dimension, die in retributiven Aufarbeitungen typischerweise ausgeblendet wird, weil ihre Antworten nicht in der Form vorliegen, die ein Sanktionsentscheid braucht.
Was sich praktisch ändert
Auf der Implementations-Seite verlangt der restorative Ansatz andere Formate als die klassische Vorfalluntersuchung. Just-Culture-Boards, die nach Schuld und Sanktion entscheiden, werden zu Inquiry Panels, die Fragen stellen statt urteilen. Die handelnde Person ist nicht das Subjekt einer disziplinarischen Prüfung. Sie ist die Person, die erzählt, was geschehen ist und welche Bedingungen das Geschehen plausibel machten. Die Geschädigten kommen ins Verfahren als Beteiligte, deren Bedürfnisse Teil der Lösung sind, nicht nur als juristisch Anspruchsberechtigte. Die Organisation übernimmt Verantwortung für die Bedingungen, unter denen der Vorfall möglich wurde, statt sie auf die handelnde Person zu schieben.
Restorative Just Culture verschiebt nicht die Strenge. Sie verschiebt die Frage. Wer ist verletzt, was brauchen sie, wessen Verpflichtung ist das?
Was das für die Praxis bedeutet
Das Umfeld, in dem eine Organisation in der Schweiz arbeitet, ist strukturell auf die retributive Logik ausgerichtet. Versicherungsfragen, Aufsichtsbehördenberichte und strafrechtliche Verfahren operieren mit Schuld- und Sanktionskategorien. Restorative Aufarbeitung läuft daneben oder gar nicht. Sie konkurriert mit Verfahren, die schneller, dokumentierbarer und juristisch anschlussfähiger sind. Die Buchlektüre allein verändert diese Strukturlage nicht.
Was sie kann, ist eine zweite Spur öffnen. In Organisationen, die nach einem schweren Ereignis ohnehin vor der Frage stehen, wie alle Beteiligten weiterarbeiten sollen, ist Dekkers Ansatz ein konkretes Vokabular für eine Arbeit, die sonst informell und unsystematisch geschieht. Wo Just-Culture-Komitees heute nach Reasons culpability decision tree arbeiten, verschiebt das Buch das Verständnis dessen, was so ein Komitee überhaupt leisten soll. Es ersetzt die retributive Funktion nicht. Es positioniert sie als eine von zwei Funktionen, die getrennt zu behandeln sind. Die juristisch-versicherungstechnische Aufarbeitung muss stattfinden. Die restorative Aufarbeitung daneben auch, mit eigenem Setting, eigener Moderation und eigenem Output. Beide Funktionen in ein einziges Verfahren zu mischen, ist der häufigste Implementations-Fehler.
Das Spannungsfeld zum Strafrecht
Eine strukturelle Grenze, die das restorative Verfahren begleitet: die Organisation bewegt sich in einem strafrechtlichen Rahmen, den sie nicht ausblenden kann. Bei schweren Vorfällen im Gesundheitswesen, im Luft- oder Strassenverkehr oder in der Industrie greift in der Schweiz das StGB mit fahrlässiger Körperverletzung (Art. 125) oder fahrlässiger Tötung (Art. 117). Strafverfolgungsbehörden operieren mit individueller Schuldzuweisung; die restorative Logik tut das gerade nicht. Eine Organisation kann ein restoratives Verfahren durchführen und gleichzeitig in eine Strafuntersuchung verwickelt sein, deren Verfahrenslogik der eigenen entgegenläuft. Das verlangt eine bewusste Trennung der zwei Spuren. Was im restorativen Verfahren gesagt wird, darf nicht automatisch in den Akten der Staatsanwaltschaft landen. Einige Branchen haben dafür Schutzmechanismen entwickelt: vertrauliche Meldewege, gesetzliche Verwertungsverbote für bestimmte Untersuchungsmaterialien, abgegrenzte Just-Culture-Verfahren mit eigenem Geheimhaltungsregime. Andere haben das nicht. Wer ein restoratives Verfahren aufbaut, ohne diese Schutzlage mitzudenken, macht die offene Erzählung der handelnden Person zu ihrer eigenen strafrechtlichen Belastung.
Was das Buch offen lässt
Dekker zeigt das Was und das Warum überzeugend. Das Wie bleibt offener. Wer ein restoratives Verfahren in eine Organisation einführen will, in der seit Jahren retributive Verfahren etabliert sind, bekommt aus dem Buch das Vokabular, aber nicht den Übergangspfad. Die Frage, wie sich die zwei Logiken praktisch koordinieren lassen, ohne dass die restorative Variante ein optionales Add-on wird, bleibt offen. Das ist die Lücke, an der die meisten Implementationen scheitern.
Für wen sich das Buch lohnt
Das Buch lohnt sich für Sicherheitsbeauftragte, Just-Culture-Komitees und Führungskräfte im Gesundheitswesen, im Luft- oder Strassenverkehr, in der Industrie und im öffentlichen Sektor. Auch für interne Untersuchungsfunktionen, die nach einem Ereignis vor der Frage stehen, wie es weitergeht. Wer Reasons culpability decision tree als Werkzeug einsetzt, sollte Restorative Just Culture in Practice zur Hand haben, bevor die nächste Sanktionsentscheidung ansteht.
Quellen
- Sidney Dekker – Restorative Just Culture in Practice, Routledge 2018 (Hauptquelle)
- Sidney Dekker – Just Culture: Restoring Trust and Accountability in Your Organization, 3. Aufl., CRC Press 2017
- James Reason – Managing the Risks of Organizational Accidents, Ashgate 1997